Der Hektik, dem Zeitmangel und dem Druck unserer Tage
entfliehen, die Gedanken auf das Wesentliche richten und sich einfach
wieder selbst spüren- darin liegt die Sehnsucht vieler
Wüstenreisender.
"Für die Grübler in den Städten ist der Drang in die
Öde stets unwiderstehlich gewesen, wohl nicht, weil sie dort Gott
fanden, sondern weil sie in der Einsamkeit mit grösserer Klarheit
die lebendige Stimme hörten, die sie in sich trugen."
T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien)
Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit einer so
besonderen Welt wie der Wüste niemanden gleichgültig
lässt.
Die Menschen sind von Anfang an von dieser grandiosen Schönheit betört.
Ein besonderer Zauber geht von der Sahara aus.
Die Wüste mit ihren Farben und Formen, mit Steinen, Kristallen
und Dünenmeeren deren Sand so fein ist wie Puderzucker.
Wie an keinem anderen Ort, nimmt man eine erstaunliche
Konzentrationsfähigkeit auf das Wesentliche wahr. Das Unwichtige
fällt schnell ab und das Leben bekommt eine neue Ausrichtung und Leichtigkeit.
Wir kommen mit unserem Wesen und dem, was uns wichtig ist, in Kontakt.
Der nächtliche Sternenhimmel tritt in einer solchen Klarheit und
Schönheit nur an wenigen Orten der Erde in Erscheinung. Sein
Anblick versetzt, innerhalb einer alle Facetten ausreizenden
Gefühlspalette in ausgelassenes Staunen.
"Das Aufregendste an der Wüste ist, dass sie die Dimensionen der
Zeit nicht anerkennt, und das Zauberhafteste an ihr ist ihre
Fähigkeit, sich die ursprüngliche Unberührtheit zu
bewahren. Das sie sich der mythischen Zeit, der ursprünglichen
Zeit, bedient und somit etwas Unnachahmliches besitzt, das ist das
Geheimnis der Grossen Wüste. Das ist es, was Leute aus fernen
Ländern veranlasst, in die Wüste zu reisen, um sie zu erleben.
Man geht nicht dorthin, um eine erbarmungslose nackte Sand- oder
Steinfläche zu sehen, sondern um dieses Wunder zu erleben.
Man geht, um eine Zeit zu erleben, die sich nicht wie der Fluss des
Heraklit ergiesst, sondern eine Zeit, die stillsteht, die ewige
Gegenwart geworden ist.
Deshalb spürt der Mensch dort die Freiheit mehr als an jedem
anderen Ort der Welt."
Ibrahim al-Koni, Ein Haus in der Sehnsucht
Meine tiefen Emotionen der ersten Nacht, die ich allein in der
Wüste verbrachte, habe ich in dem folgenden Gedicht
festgehalten:
NACHT ÜBER DER WÜSTE
Der Tag geht . Unendliche Schönheit
offenbart das Abendrot am Horizont.
Mein Herz will schreien vor Entzücken.
Langsam, schleichend, wie auf weichen Samtpfoten,
kommt die Nacht.
Tauche ein in ein Meer aus tiefem dunklem Blau
und unzähligen glitzernden Sternchen.
Den Kopf im Nacken liegend- bin ein Kind,
erstaunt und verzaubert.
Was ist Zeit? Sie verliert an Bedeutung!
Atme tief ein, diese Zeitlosigkeit.
Sie hält mich in ihrem Arm, lässt mich los
und fängt mich doch wieder ein.
Hingeben an die Stille, Nehmen und Geben,
eng umschlungen das Einssein spüren.
Unendlichkeit - über mir,
unter mir, neben mir, in mir.
Nur sie kennt das Geheimnis seit Anbeginn der Zeit,
das mir bisher verborgen blieb.
Allmacht der Schöpfung, voller Ehrfurcht
nehme ich sie wahr, lasse mich fallen ins Bodenlose.
Doch das tiefe Blau hält mich, gebiert mich
im Morgenrot und lässt mich wieder fallen
in die Dunkelheit der Nacht,
um erneut mich aufzufangen am Morgen.
Es ist der Kreislauf allen Seins- Alpha und Omega-
Anfang, Ende und Neubeginn,
und doch ist alles Eins.
Beatrice Schneider